Hintergrund

Wissensgesellschaft und Wissensarbeit

Die hochtechnisierten Gesellschaften dieser Zeit befinden sich in einem Wandel von der tayloristisch geprägten Industriegesellschaft zur post-kapitalistischen Wissensgesellschaft. Dies manifestiert sich unter anderem darin, dass die herkömmlichen Produktionsfaktoren Arbeit, Boden und Kapital zunehmend dominiert werden von Wissen, das als innovationsrelevanter Faktor wirtschaftliches Handeln maßgeblich determiniert (Willke 2005). Abgesehen von der Prävalenz des Faktors Wissen, die an sich nicht neu ist – lässt sich die Zeitdiagnose der Wissensgesellschaft doch bis in die 1960er-Jahre zurückdatieren –, ist Vernetzung, im Sinne der Etablierung globaler Datennetze, das Credo dieser Zeit. Neu ist außerdem die Dynamik, mit der sich die global vernetzte Wirtschaft und Gesellschaft verändern. Die rasante Entwicklung neuer Informations­techno­logien schafft einen immer leichteren und schnelleren Zugang zu einer immer größer werdenden Wissensmenge, einhergehend mit einer rapide sinkenden Halbwertszeit von Wissen und Innovationen (BMAS 2017; North 2016).

Digitale und demografische Transformation

Zwei zentrale Entwicklungen, welche die Wissensarbeit in Unternehmen und damit organisationales Lernen entscheidend determinieren, sind die fortschreitende Digitalisierung einerseits und der demografische Wandel andererseits: So stellt sich im Zuge der digitalen Revolution die Frage nach Arbeitsweisen, relevantem Wissen und dessen effektiver Generierung, Teilung und Vernetzung sowie nach erforderlichen Qualifikationen und Kompetenzen seitens der Mitarbeiter in ihrer Funktion als Wissens­träger grundlegend neu. Das Konzept des digitalen Arbeitsplatzes (Digital Workplace) und der über digitale Tools forcierte freie Fluss von Daten und Informationen markieren eine neue Ära der Wissensarbeit (BMAS 2017). Ziel dabei ist es, individuelles Wissen transparent zu machen, interindividuell zu verknüpfen und als kollektives Wissen wirtschaftlich nutzbar zu machen – in Anlehnung an die aus der Biologie bekannte Schwarmintelligenz (OECD 2017; Schuchmann & Seufert 2015).

Parallel hierzu ergeben sich durch die demografische Entwicklung und die hieraus resultierende Alters- und Generationendiversität in Unternehmen Herausforderungen in Bezug auf den Wissenstransfer zwischen Mitarbeitern unterschiedlichen Alters. Angesichts unterschiedlich ausgeprägter IT-Affinitäten, Präferenzen für Kommunikationswege und -mittel sowie differierender Wissensvorräte der verschiedenen Alterskohorten sind Unternehmen gefordert, altersintegrative Strategien zu entwickeln, um diese Diversität gewinnbringend zu nutzen (Deißinger & Breuing 2014).

Intergenerationelles Lernen

Mit der digitalen und der demografischen Wende prallen zwei Megatrends aufeinander, die nahezu zeit­gleich die wissensbasierte Wirtschaft vor große Herausforderungen stellen. In einer auf den ersten Blick konfli­gierenden Weise sind Unternehmen damit konfrontiert, sich an eine digital vernetzte und virtuelle Arbeitswelt anzupassen, bei gleichzeitig alternden Beleg­schaften. Vor diesem Hintergrund stellt sich aus Sicht der Betriebspädagogik die Frage, inwieweit ein zunehmend digitales Arbeitsumfeld das betriebliche Lernen zwischen Generationen beeinflusst und wie der Wissensfluss zwischen Mitarbeitern in einer dem digitalen Zeitalter ange­messenen Art und Weise über Alters- und Generationen­grenzen hinweg gelingt.

Digitalisierung versus digitale Transformation

Wichtig ist hervorzuheben, was die vielfach proklamierte „digitale Revolution“ ausmacht – geht die „Digitalisierung“ im weiteren Sinn einer Umwandlung von Informationen in binäre Daten doch bis in die 1950er-Jahre zurück. Boes et al. beschreiben das Revolutionäre der aktuellen digitalen Transformation mit ihrem Konzept der Informatisierung: Diese meint nicht nur das stete Ermöglichen neuer Automatisierungsformen oder den bloßen Einsatz von IuK-Technologien. Vielmehr gehe es um einen sozialen Prozess, „in dem gedankliche Vorgänge entäußert und in überindividuell verwendbaren Medien vergegenständlicht werden“ (Boes et al. 2016, S. 33). Das Internet stelle dabei die Grundlage eines global verfügbaren „Informationsraums“ dar, der eine neue Qualität der Interaktion ermöglicht. Dieser Informationsraum werde für die Arbeitswelt der Zukunft zu dem, was Maschinensysteme für die Wirtschaft im 19. und 20. Jahrhundert waren. Der digitale Fluss von Informationen und Daten markiere folglich einen „neuen Typ der Industrialisierung“, der die Wissensarbeit zum Gegenstand hat (ebd., S. 35).

Boes, A., Kämpf, T., Gül, K., Langes, B., Lühr, T., Marrs, K., & Ziegler, A. (2016). Digitalisierung und „Wissensarbeit“: Der Informationsraum als Fundament der Arbeitswelt der Zukunft. Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), 66(18-19), 32-39.

Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) (2017). Weißbuch Arbeiten 4.0. Berlin: BMAS.

Deißinger, Th., & Breuing, K. (2014). Recruitment of Skilled Employees and Workforce Development in Germany: Practices, Challen­ges, and Strategies for the Future. In: T. Short, & R. Harris (Eds.), Workforce development: Strategies and Practices (pp. 281-301). Singapore: Springer.

North, K. (2016). Wissensorientierte Unternehmensführung. Wissensmanagement gestalten. 6. Aufl. Wiesbaden: Springer Gabler.

OECD (2017): The Next Production Revolution: Implications for Governments and Business. Paris: OECD Publishing.

Schuchmann, D., & Seufert, S. (2015). Corporate Learning in Times of Digital Transformation: A Conceptual Framework and Service Portfolio for the Learning Function in Banking Organizations. International Journal of Corporate Learning (iJAC), 8(1), 3139.